Menschen im Zug - Beobachtungen auf Dienstreisen


Geschichte Nr. 1 und 2 sind unveröffentlicht; Nr. 3 wurde veröffentlicht unter dem Titel "Ein Sachverhalt" in der satirischen Literaturzeitschrift Salbader, Heft 21, 1997


1. Der Handy-Man

ICE München - Hamburg, Bahnhof Stuttgart, Freitag Nachmittag. Aus- und Einsteigehektik, Gedränge, Stimmengewirr, Schweißgeruch.
Großraumabteil, 2. Klasse, alle Plätze reserviert. Ein hochgewachsener Herr, etwa Mitte Dreißig, zwängt sich mir gegenüber auf seinen Platz. "Entschuldigung, pardon, dürfte ich hier meine Aktentasche.. danke".
Er knöpft sein adrettes Jacket auf, streicht sich über die gelb-schwarze Krawatte, macht es sich bequem. Dann der Griff zum Handy. Seine smarten Gesichtszüge verraten Geschäftigkeit, Bedeutung und den Drang zur Karriere. Ja, er gehört zweifellos dazu, zu den Helden des ausgehenden 20. Jahrhunderts: ein aufstrebender Jungmanager, ständig erreichbar, ständig im Einsatz, immer mit den Gedanken bei der Firma, den Umsatzzahlen und den Bilanzen.
Ich bin gespannt, was er in sein Gerät flüstern wird. Etwa den geheimnisvollen Satz "ja, sofort 39 kaufen und 41 abstoßen." oder gar die Anweisung "keine weiteren Einstellungen mehr in Abteilung 12, Reduzierung in Abteilung 10 und 13". Ich platze fast vor Neugier!
Endlich steht seine Verbindung. Und gerade als der Zug den Bahnhof Stuttgart verläßt, vernehme ich: "Hallo, Schnucki, ich bin's. Ja, ich bin jetzt im Zug. Bin um 16.30 Uhr in Mannheim. Ja, die Sitzung hat nicht so lange gedauert. Tschüß Schnucki, bis nachher und Kussi."
Sein Blick kreuzt kurz den meinen. Ob er mir meine Enttäuschung ansieht? Schnell schaue ich zur Seite, zum Fenster hinaus. Er steckt das Handy weg.
Welch Segen der Technik: Frauchen zu Hause ist vorgewarnt, kann das Bier kalt stellen und in aller Ruhe den Hausfreund verabschieden. Das Handy - ein Beitrag zur Harmonisierung des Ehelebens! Ob den Werbeleute hierzu schon ein Spot eingefallen ist?


2. Handy-Women

Sie sieht unscheinbar aus, ist nicht der Typ, den sich ein erfolgreicher Geschäftsmann als Begleitung zum Dinner wünscht. Wahrscheinlich ist sie Studentin, Sozialpädogogik vielleicht oder Germanistik.
Der ICE rast gerade durch die Wälder bei Karlsruhe, da zaubert sie ihr Handy aus der Leinentasche.
Aha, denke ich, selbst sie! Bin ich denn wirklich der letzte hier im ICE, der kein Handy besitzt? Überall trötet's und tutets, überall wispern eifrige Geschäftsmänner mit ihren Sekretärinnen oder Vorgesetzten. Und nun sogar sie!
Sie wählt eine Nummer. Leicht verklärtes Gesicht. Ob sie Verbindung mit ihrem Freund aufnimmt, ihm ein paar liebe Worte zuflüstern will? Oder wird's ein Gespräch mit der Mutter, die Ankündigung, daß sie am Wochendende zum Hasenbraten kommt? Ihr Gesicht bleibt verklärt, als hätte sie das, was sie am anderen Ende der Leitung hört, erwartet. Dann betet sie los: "Hier ist die Tanja, hallooo! Ich wollte mich nur mal melden. Ich bin gerade im ICE, fahre von Freiburg nach Hause. Wenn du Lust hast, kannst du mich am Samstag mal zurückrufen. Tschüssi."
Das war's. Tanja wollte mitteilen, daß sie im ICE sitzt! Sensation! Wie sind wir doch alle so wichtig: Wir besitzen ein Handy und können jederzeit jedermann/jederfrau auf den Anrufbeantworter schwätzen, daß wir gerade im ICE fahren! Und das Schönste ist: Wir haben sogar noch Publikum für unser Telefonat!
Ich aber frage mich, wie die Menscheit existieren konnte, bevor es Handies und Anrufbeantworter gab!


3. Mensch am Diktiergerät

Eurocity, 1. Klasse, Großraumwagen, Fahrt von Stuttgart nach Mannheim. Ein Herr, graue Schläfen, das Gesicht leicht von der Midlifecrises gezeichnet, lehnt betont lässig in seinem Sitz. Vor ihm, auf dem Tischchen, etliche Papiere, ein Diktiergerät.
Der Zug verläßt Stuttgart.
Er sinniert. Starrt zur Decke. Greift das Mikrophon des Diktiergeräts, lehnt sich etwas vor und beginnt: "Schreiben an Anwaltskanzlei Krüger und Mahn, Darmstadt... in Sachen Eberswälder gegen Neuendorfer... Datum und übliche Anrede ... äh... Datum von gestern... nein heute..."
Sichtlich erschöpft stoppt er das Diktiergerät und fällt in seinem Sitz zurück. Sinniert weiter. Starrt.
Der Zug fährt durch Stuttgart Feuerbach.
Der Herr lehnt sich wieder vor und knipst das Gerät erneut an: "Nach eingehender Unterredung mit meinem Mandanten möchte ich hiemit ..." Er stoppt - sein Gesicht verhärtet sich. Zweifellos, er denkt. Dann weiter: "... unter Bezugnahme auf § 43a Komma Absatz zwo..." Stoppt wieder. Denkt. Denkt angestrengt weiter.
Der Zug braust durch die Wälder bei Pforzheim.
Dann wieder er: "Komma..."
Und erneut eine lange Denkpause.
Endlich die erlösenden Worte: "wie folgt erwidern..." Er hantiert an seinem Gerät herum, spult zurück, hört das bereits diktierte, löscht die letzten drei Wörter und fährt fort: "...den Sachverhalt wie folgt darstellen Doppelpunkt..."
Und wieder das große Schweigen.
Der Zug nähert sich der Rheinebene.
Der Mann am Diktiergerät spult zurück, hört den Satz, löscht und beginnt abermals: "...unter Bezugnahme auf § 43 a BGB Komma Absatz zwo Komma stellt sich der Sachverhalt wie folgt Doppelpunkt." Schaltet das Gerät aus, lehnt sich zurück. Starrt zum Fenster hinaus. Denkt?
Der Zug fährt durch Hockenheim.
Das Diktiergerät ruht.
Da plötzlich! Der Herr schnellt nach vorn, knipst sein Gerät wieder an und spricht: "Die Zustellung..." Mehr nicht. Zurückspulen des Bandes, Anhören des bisherigen Diktats, Löschen des letzten Abschnitts, und endlich: ...Komma stellt sich der Sachverhalt wie folgt Doppelpunkt Erstens Ein Versäumnis meines Mandanten..."
Lautsprecherdurchsage: "Meine sehr verehrten Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Mannheim. Mannheim Hauptbahnhof. Sie haben dort Anschluß an die Züge..."
Der Mann am Diktiergerät blickt sichtlich nervös nach oben. Verzieht ein wenig das Gesicht. Spult das Band zurück.
Ich muß in Mannheim aussteigen. Beim Hinausgehen schaue ich noch einmal zurück. Er klammert sich fest mit der linken Hand an sein Gerät. Seine rechte fährt durch die Blätter auf dem Tisch. Wie sich der Sachverhalt aus der Sicht seines Mandanten unter Berufung auf § 43 BGB Komma Absatz zwo darstellt erfahre ich nie.