Es waren seine gasförmigen Ausscheidungsprodukte, die Udo H. schon früh bekannt und berühmt machten. Er saß in der ersten Reihe, gleich neben Hubert F. und vor allem in Latein-, Englisch- und Geographiestunden pflegte letzterer bisweilen unvermittelt hochzuschnellen, zum Fenster zu eilen und dieses mit lautem Gedönse aufzureißen. Dann sprangen auch weitere Mitschüler aus ihren Bänken, röchelten und fechelten sich mit Heften und Büchern Luft zu, während die Lehrer/innen die Nase rümpften und mit strengem Blick den Deliquenten ins Gebet nahmen: "Mensch, H., kannst Du Dich denn nicht beherrschen?!" Udo saß derweilen nur da und grinste. Was hätte er auch tun sollen. Er litt unter starken Blähungen, gar solchen, die angeblich in einem ärztlichen Attest festgehalten waren, womit ihm gewissermaßen ein Freibrief für jederzeitige Erleichterung ausgestellt war. Seltsam nur, daß Udo in Mathematik nie das gefürchtete Gas entwich; vielleicht weil der Mathelehrer als streng und unberechenbar galt, so daß es angezeigt war, die hinterern Backen besser zusammenzukneifen und dem Drang erst in der Pause nachzugeben.
Udo konnte auch auf Kommando. Nicht selten kam es vor - wenn beispielsweise der Englischlehrer damit drohte, Vokabeln abzuhören - daß Rolf K. von rechts außen zischte: "Auf, Udo, leg mal los!", worauf sich Hubert F. bereits in die Startlöcher begab. Es klappte immer: Sofort übertönten Schwefelwasserstoff und Mercaptane den aus Fuß- und Körperschweiß, Tafelkreide und Bohnerwachs zusammengesetzten typischen Geruch eines Klassenzimmers der mittleren 60er Jahre. In einer "gemischten Klasse" - wer weiß - wäre uns das herrliche Spektakel vielleicht nicht vergönnt gewesen, so aber befanden wir uns auf einem reinen Jungengymnasium, wo solche Rituale bei heranpubertierenden Jungmännern augenscheinlich dazugehörten.
Später saß Udo H. direkt neben mir. Das war in der Mittelstufe, so um 67 oder 68, zur Zeit der ersten langen Haare. Manche Englisch- und Deutschstunde entartete in Streitgespräche zwischen heillos überforderten Lehrern und uns Schülern, die wir mit den Antiautoritären von der Uni sympathisierten. Nur in Religion, dem Fach, welches am ehesten für die Bewältigung von Sinnfragen geeignet gewesen wäre, waren damals keine Diskussionen möglich. Der greise und täppliche Pater Benedikt suchte während ganzer Stunden nur den Lehrplan oder den Klassenspiegel ("Ne, ne, ne, den hab' ich doch gerade noch da hinglegt... hat ihn jemand von euch gesehen, ne, ne, ne...") und wir beschäftigten uns derweil mit der Vorbereitung der kommenden Stunden, sprich unseren Hausaufgaben.
Udo H. - er hockte, wie gesagt, damals links neben mir - war in jener Zeit noch in der katholischen Religion, wo er sich genauso unauffällig verhielt wie all die anderen, so daß ich keinerlei Verdacht schöpfte. Doch als ich eines Tages - mehr beiläufig - eine Bemerkung über die "Nichtwissenschaft-lichkeit" der Schöpfungsgeschichte im Alten Testament fallen ließ, da gab mir nicht recht. Ich zuckte zusammen. Er widersprach tatsächlich: Die Bibel sei korrekt, schließlich sei sie vom Heili-gen Geist inspiriert. Wollte er mich auf den Arm nehmen? Nein, er meinte es ernst. Er gestand, vor kurzem zu den Zeugen Jehovas konvertiert zu sein und somit gäbe es für ihn nur eine Wahrheit, eben die Bibel. Mein Fehler war, darauf einzugehen, und von Stund' an hatte ich das Vergnügen in den Pausen - und während mancher Unterrichtsstunde - Vorlesungen über die Bibel zu hören: Angefangen bei der Genesis, über Noah, Abraham, die Propheten, Jesu - dessen Wunder, Auferste-hung und Himmelfahrt - bis hin zur Apokalypse. Ich konterte und verschanzte mich hinter der damals populären Dänicken'schen Theorie, die Götter seien Besucher von fremden Sternen gewesen. Ich verpflanzte Jonas aus dem Walfisch in ein U-Boot und Elias aus dem Feuerwagen in eine Rakete. Die Offenbarung des Johannes aber disqualifizierte ich zu einer Vision nach dem Genuß von starken Rauschmitteln. Vielleicht kannte der Bursche sogar schon LSD?
Udo, der mittlerweile keinerlei Scherze mehr mit seinen Ausgasungen trieb, ging überraschender-weise selbst auf die abstrusesten Behauptungen mit stoischer Ruhe und missionarischem Eifer ein. Er brachte mir den Wachturm und andere Heftchen, die sich allesamt durch ihre naiv gemalten Bildchen des Paradieses hervortaten. Diese Bilder wiederum waren in merkwürdige Farben gehalten; Farben, die in der Tat kaum irdischen Ursprungs sein konnten, gewissermaßen die Vorboten jenes Paradieses, in welches nur die berühmten 144.000 Gerechte eingehen würden. Was aber die Prophe-zeihung des alten Johannes anging, so stünde deren Erfüllung nach Berechnungen der Bibelkundigen seiner Religionsgemeinschaft unmittelbar bevor. 1972 war die magische Zahl. Wie auch schon 1914. Für jenes Jahr hatten die Zeugen bereits schon einmal einen Weltuntergang berechnet, der dann ja auch kam, in Form des Ersten Weltkriegs und dem damit verbundenen Zerfall der bisherigen Weltordnung. Meine Ketzerei, 1914 seien die Zeugen Jehovas gewissermaßen auf "ihren Koffern gesessen" als sie auf die Wiederkehr Jesu warteten, quittierte er mit ein paar lapidaren Sätzen, dies sei alles ohne Wahrheitsgehalt, gewissermaßen Verleumdung. Wer die Bibel richtig lesen könne, der wisse, daß nicht 1914, sondern 1972 der Weltuntergang eingeläutet werde. Ich werde es ja sehen, es bliebe nicht mehr viel Zeit zur Umkehr.
Seine Bibelgläubigkeit ging am Ende soweit, daß er die Ergebnisse der Naturwissen-schaften leugnete, ja gar behauptete Fossilien seien "Teufelswerk", von finsteren Mächten in den Boden gelegt, um den Menschen vom rechten Glauben abzubringen. Denn die Bibel lehre, daß die Welt vor rund sechstausend Jahren geschaffen worden sei, und selbiges in Sieben Tagen - und in keiner Stunde mehr oder weniger.
Eines Tages erhielt ich von ihm eine Bibel - eine echte "Zeugen Jehova - Bibel" in altdeutscher Schrift, mit Zeittafeln und Anmerkungen, wie sie in anderen Bibeln nicht zu finden sind. Das Buch steht heute noch in meinem Schrank, unmittelbar neben dem Buch Mormon der Heiligen der Letzten Tage.
Udo tat mir leid. Zwar brauchte er schon bald an der Religionsstunde des greisen Paters nicht mehr teilzunehmen - aber er feierte keine Weihnachten, keine Ostern und keinen Geburtstag; auch durfte er weder ins Kino noch ins Theater. Als die ganze Klasse auf Anraten unserer Deutschlehrerin ins Heidelberger Theater zog, um das als skandalös gebrandmarkte Theaterstück "Zicke-Zacke" zu bejubeln, mußte Udo zu Hause bleiben.
Udo verließ unsere Klasse Ende der Mittelstufe. Er durfte eine Ehrenrunde drehen, und absolvierte sein Abitur ein Jahr nach mir. Ich verlor ihn aus den Augen. 1972 kam und ging. Die Welt ging nicht unter - trotz Terroranschlag auf die Olympischen Spiele in München und Vietnamkrieg. Aber die vier Reiter erschienen nicht am Horizont, auch blies kein Engel die Posaune, kein Heer monströser Heuschrecken quälte die Menschheit, die Gewässer verwandelten sich nicht in Blut und das Tier 666 entstieg nicht der Erde.
Vier Jahre später traf ich Udo wieder. Er hatte sich inzwischen - genauso wie ich - an der Fakultät für Geowissenschaften in Heidelberg immatrikuliert: er in Geologie, ich in Mineralogie. Trotzdem sahen wir uns praktisch nie. Erst auf der jener Exkursion nach Südtirol, die der alte weinselige und kulturdenkmälerversessene Professor Simon leitete, kamen wir zusammen.
Eines Abends, in einer Brixener Kneipe, hockten wir wieder nebeneinander. Nur saß er dieses Mal nicht links von mir, wie einst in der Schulbank, sondern rechts.
Ich hatte ein Glas Wein vor mir stehen, er ein Glas Saft. Nach den üblichen Floskeln konnte ich mir's nicht verkneifen:
"Sag mal, Udo, biste eigentlich immer noch bei den Zeugen?"
Er grinste so wie früher, als er seine Klassenkameraden mit den Geruchsbomben aufscheuchte, und gestand, daß er seiner Religion treu gebleiben war.
Ich sah meine Stunde gekommen: "Aha, und glaubst Du immer noch so streng an die Bibel? Wie vereinbart sich der Bibelglaube mit der Geologie?"
"Wir versuchen, nach der Bibel zu leben", erwiderte er mit großer Gelassenheit. "Was die Geologie angeht, na ja... wir leugnen die Naturwissenschaften nicht. Die Schöpfungsgeschichte in der Bibel ist nur bildlich gemeint. Das hast Du damals wohl falsch verstanden."
Ich hakte nach: "Oho, und wie war das dann mit 1972? Auch nur bildlich oder sollte da nicht..."
Er schien zuerst nicht zu verstehen, worauf ich hinaus wollte. Die Zahl 1972 sagte ihm anscheinend nichts mehr.
"Weltuntergang?" lachte er. "Wir haben nie behauptet, 1972 ginge die Welt unter! Es stimmt zwar, daß wir uns auf die Wiederkehr Jesu vorbereiten. Und es mag sein, daß er seit einigen Jahren unter uns weilt - unerkannt."
Ich erinnerte ihn die genauen Berechnungen und Bibelzitate, mit denen er versucht hatte, mich zu beeindrucken, doch er ging nicht weiter darauf ein, sondern sagte unvermittelt:
"Es ist so gute Sicht heute. Ich fahre noch hinauf auf die Plose. Willste mit?"
Die Plose - der kahle Hausberg von Brixen - mit Sicht auf Geislerspitzen und Sarntaler Alpen. Als wir zwei Tagen zuvor mit dem ollen Simon dort oben standen, hatten Nebelschwaden die Sicht versperrt. Udos Angebot war verlockend.
"Wenn wir gleich losgehen, schaffen wir es noch vor dem Sonnenuntergang", fuhr er fort.
Wir waren mit unseren Privat-PKWs nach Südtirol angereist, denn es war billiger erst vor Ort einen Bus für die Exkursionen zu mieten.
Wir zahlten, gingen zum Parkplatz und steurten Udos Fahrzeug an. Dort trafen wir einen schlacksigen Pakistani, der zu unserer Truppe gehörte. Als er hörte, was wir vor hatten, schloß er sich uns an. Er wurde auf den Rücksitz gepackt, ich machte es mir auf dem Beifahrersitz bequem.
Käferfahren, auch als Beifahrer, war ich gewohnt, hatte ich doch selbst so ein Gefährt. Ich fühlte mich immer wohl in den kleinen Kisten.
Udo aber startete den Wagen wie einen Porsche. Die Reifen quietschten und ich wurde jäh in den Sitz gedrückt. Noch im Glauben, es sei ein Versehen gewesen, hielt ich an dem Gedanken fest, es werde eine gemütliche Fahrt.
Ich irrte. Schon in der nächsten Kurve quietschten die Reifen wieder und ich wurde zur Seite geschleudert, als säße ich in einem Kettenkarussell. Der Motor drehte durch - Udo schaltete erst sehr spät in den nächsthöheren Gang; ja er jagte das Fahrzeug durch die Gassen, als seien es die von Monaco bei jenem bekannten Rennen und nicht die von Brixen an einem x-beliebigen Abend im September.
Innerhalb der Stadt war es noch auszuhalten. Etliche rot geschaltete Ampeln sorgten für Verschnaufpausen - doch sobald wir Brixen verließen, kannte Udo nur noch das Gaspedal.
Die Straße zur Plose hinauf ist eng, steil und serpentinenreich. Links drohen schroffe Felsen, rechts gähnt ein steiler Abgrund. Udos Käfer flog in den Kurven hin und her wie ein Tischtennisball, der von zwei Japaner über die Platte geschmettert wird. Und im gleichen Maße beutelte es auch den Pakistani und mich in unseren Sitzen von links nach rechts und rechts nach links.
"Mensch Udo, mach doch langsam!" entfuhr es mir. Ergebnislos - in der nächsten Kurve näherten wir uns noch mehr dem Schlund rechts außen und in der darauf folgenden Gerade heulte der Motor noch ein paar Dezibel lauter.
"Sag mal, fährst Du immer so? Muß denn das sein?"
Klar, gestand er, er führe immer so. Aber das Risiko, setzte ich nach. Warum?
"Ein Auto muß gefahren werden", war seine Antwort.
Ich schloß für einen Momment verwirrt die Augen. Kein Bibelzitat, kein Hinweis darauf, daß unser Schicksal in Gottes Hand läge und wir ihm nur vertrauen sollten - nein, nur der trockene Spruch: "Ein Auto muß gefahren werden."
Wir kamen noch vor Sonnenuntergang auf der Plose an. Immerhin, Udos rasanter Fahrt war es zu verdanken, daß wir das Naturspektakel in seiner vollen Länge genießen konnten. Allerdings war der Genuß schwer beeinträchtigt, denn als wir ausstiegen, fühlten sich meine Beine an wie aus Gummi und der Pakistani lief erst einmal ein paar Meter auf eine Almwiese und reiherte auf das dürftige Gras. Uns beiden graute vor der Rückfahrt! Doch was blieb uns anderes übrig, als uns wieder in Udos metallenen Sarg zu pferchen, denn zu Fuß wäre der Abstieg noch qualvoller und vielleicht genauso gefährlich gewesen.
Kaum aber hatte Udo seinen Bleifuß auf das Gaspedal gestellt und sein Gefährt mit röhrendem Motor auf die Piste geschickt, verzog er sein Gesicht zu einem säuerlichen Grinsen und stellte fest:
"Hab' kein Benzin mehr."
Auch sein Ersatzkanister war leer. Nun gut, lassen wir den Wagen rollen; es geht ja schließlich bergab.
An der nächsten Kurve kam uns ein Reisebus entgegen. Die Straße war zu schmal, um aneinander vorbeizufahren. Nur wenige Meter hinter uns war eine Ausweiche. Der Busfahrer gab uns zu verstehen, daß wir zurückfahren sollten. Udo aber zog die Handbremse, stieg aus, ging zum Bus und gestand dem Fahrer, daß er nicht zurückfahren konnte.
Was blieb dem Bus anderes übrig, als seinerseits bis zu einer Ausweiche zurückzusetzen. Wir rollten gemächlich an dem Bus vorbei und ich machte mich ganz klein, wagte nicht das Gesicht des Busfahrers zu sehen, welches gewiß nicht so genüßlich grinste wie das meines Chauffeurs.
Wenig später kam uns ein Wagen von Kommilitonen entgegen. Diese pumpte Udo um ein paar Liter Benzin an, mit denen er uns dann - welch ein Wunder völlig unversehrt- nach Brixen zurückmanövrierte.
Am Ende der Exkursion kündigte Udo an, er steche noch zusammen mit einem anderen Kommilitonen kurz nach Rom durch. Ob ich nicht mit wollte? Wenn wir abends losführen, seien wir früh morgens dort und könnten uns einen schönen Tag in der Ewigen Stadt machen. Die Nacht drauf ginge es dann zurück, so daß wir keine Übernachtungskosten hätten. Obwohl das Ziel verlockend war, lehnte ich dankend ab.
Danach begegnete ich ihm nur noch sehr selten, bald gar nicht mehr. Es ging das Gerücht um, er habe sein Studium abgebrochen und sei in die Betriebswirtschaft übergewechselt. Zwangsläufig, denn die Vordiplomprüfung in Physik, die wir Geowissenschaftler zwangsläufig ablegen mußten, sei ihm zum Verhängnis geworden.
Zum letzte Mal sah ich ihn auf einem Foto. Es war ein Bild von einem Klassentreffen seines Abiturjahrgangs; ein Gruppenbild. Da stand er, mitten im Kreis derer, die mit ihm dieses Ritual der "Reife" hinter sich gebracht hatten - als einziger mit Anzug und Krawatte. Er war dick geworden und ich hätte ihn wahrscheinlich nicht mehr erkannt, wäre er mir zufällig über den Weg gelaufen.
Eine kurze Zeit später stoplerte ich über eine Todesanzeige. Da standen sein Name, Geburts- und Todestag und die Sätze: "Die Gedenkfeier findet im Königreichsaal in Soundso am Soundsovielten statt. Von Beileidsbekundungen bitten wir abzusehen." Er war gerade mal 40 geworden - er war einer der ersten von uns, die auf diese Art in der Zeitung standen...
Mitte 1999, überarbeitet September 2000