Es muss schon im Herbst gewesen sein, denn es gab neuen Wein, doch die Nacht war noch mild und vielleicht sogar mondhell.
Herrenabend im Wirtshaus Zum Ritter" in Hendesse. Mit dabei waren der Walter, der Jakob, die Brüder Hermann und Helmut, der Männe, der Ottl und natürlich du. Mit seinen 30 Jahren war der Ottl der Älteste unter euch, doch seine Leber war sogar noch älter; sie hatte bereits die Erfahrungen eines 50jährigen. Er hatte eine Flasche Schnaps erstanden und in der Wirtschaft herumgehen lassen. Er trank gern, aber er trank nicht gern allein. Und es gefiel ihm, euch Grünschnäbel voll laufen zu lassen.
Der Kopf brummte vom Rauch der billigen Zigaretten, dem Lärm und Gestank der Wirtschaft, dem Fusel, den euch der Ottl einflößte.
Isch brauch frischi Luft."
Allaa gut, gehe mir."
Wärtin, zahle!"
Aufbruch.
Es geht quer durch den Ort, an der Tiefburg vorbei, den Klausenpfad hinunter, Richtung Felder.
Un ääns un zwee, än Stock, än Hut " Ihr marschiert hintereinander, im Gleichschritt, jeder nur den rechten Fuß auf dem Bordstein, den linken auf der Fahrbahn. Mit Autos ist kaum zu rechnen.
In den Feldern ist es dunkel; von der Ferne sieht man die spärlichen Lichter der Pfädelsäckersiedlung, dort drüben wartet dein Bett. Das kann warten. Vor wenigen Tagen war die Sperrstunde aufgehoben worden. Seitdem konntet ihr wieder nachts auf die Straße gehen, ohne dass euch Polizei, GIs oder der Feldschütz behelligten und nach den Papieren fragten.
Die muss leer gemacht werre", befiehlt der Ottl und schwenkt die habvolle Flasche. Wo?"
Zu mir kenne mir net, mei Mutter "
Bei uns geht's aa net."
Bei mir schun gar net, mei Fraa "
Isch weeß en gute Platz, drauße, bei de Bahngleise. Do steht en Schuppe, do kann mer uff's Dach nuff. Gemüütlisch. Kann mer weit gucke, falls äner kummt, sieht mer's glei."
Wer soll do kumme?"
Der Feldschütz."
Pha, der hot nix zu wolle. Egal, auf in die Felder!"
Die Flasche kreist; dann geht's weiter.
Irgendjemand stimmt ein Lied an:
Mir hawe dahoam än alte Wetzstoo,.."
Schon bald hockt ihr auf dem Dach und die Flasche kreist erneut.
Hot jemand Zigarette dabei mei Schachtl is leer."
Seit's de Schwarzmarkt nimmi gibt, hab isch kää Zigarette mehr; schad, dass die Zeite vorbei sin."
Hear uff, isch bin froh. Die Schwarzmarktfahrerei immer, hear uff!"
Eine Zigarettenpackung macht die Runde, jeder greift sich einen Stängel; sechs rote Punkte glimmen im Dunkeln, denn der Jakob raucht derzeit nicht.
Wieder das Lied; der Hermann macht den Vorsänger:
Mir hawe dahoam än alte Wetzstoo,.."
Dann alle:
der Vatter sagt, mer solleten
weg doo,
die Mutter sagt, mir sollten bhalte,
den Wetzstoo, den alte."
Gut, noch emol!"
Jetzt spielt der Helmut den Vorsänger:
Mir hawe dahoam än alte Wetzstoo,.."
Und wieder alle:
der Vatter sagt, mer solleten
weg doo,
die Mutter sagt, mir sollten bhalte,
den Wetzstoo, den alte."
Der Walter versucht sich mit Hochdeutsch:
Wür haben dahaim einen alten
Wetzstain,
der Vater sagt, wür solltet ihn wegtoin,
die Mutter aber sagt, wür solltet ihn behalteeen,
den Wetzstain, den alteeen!"
Gut, jetzt awer widder normal: Mir hawe dahoam än alte Wetzstoo,.."
Und noch mal. Und ein fünftes Mal, und ein sechstes; dazwischen Züge an den Zigaretten, Züge aus der Flasche.
Die.. die is ball leer."
Isch hab noch ä Flasch neie Wei."
Hosch hosch du die net fir dein Vatter mitbringe solle."
Ja, schun, awer jetzt brauch isch was zu trinke."
Derweil der Walter:
än alte Wetzstoooa "
Und du:
die Mutter sescht nä, der Vatter
Und alle:
sescht
äh, sagt
mer solleten weg doo,
die Mutter sagt, mir sollten bhalte,
den Wetzstoo, den alte."
Und noch mal.. und noch ein weiteres Crescendo.
weg doo
bhalte
den Wetzstoo, den alte!"
Plötzlich der Männe:
WER hat's getaaaan?"
Alle: WIR! Wir, Handschuhsheims edle Wescher!"
Jakob, schreiend:
Reißt der Maad s Hemd vum Leib! Gießkann her, Wasser driwer! Hängt noch än Fetze?"
Alle: Rack ab!"
Die Flasche kreise ein letztes Mal.
Nix meh' drin."
Etwas traurig klingt es deshalb:
Mir hawe dahoam en alte Wetzstoo,
der Vatter sagt, mer solleten weg doo,
die Mutter sagt, mir sollten bhalte,
den Wetzstoo, den alte."
Glei nochemol mir hawe "
Der Helmut schüttelt den Kopf:
Mir hawe gar nix nix hawe mir mehr alles fort, Frankfort!"
Ade, du mein schön Heimatland!"
Un der Wei? Mir hawe doch noch dei Flasch von dem neue Wei, sauf die net allä, Jakob."
Der aber klammert die Flasche an seine Brust und rülpst. Dazu deine Stimme:
Es wird bekannt gemoocht, dass niemand in die Bach ne-i moocht, denn aus der Bach werd We-i gemoocht!"
Des kannsch awer gut, des Dossemerisch."
Sagt emol, stimmt des, dass die Dossemer friher kä D sage konnte?"
Wie hawe die dann gsagt?"
Zu Dossene L'osseme un zu Lederrieme Lel'alieme. Kennsch doch den Spruch: Da Voaleila hot en Lel'alieme um de Bauch. So hawe die friher gschwätzt."
Was heeßt do friher; do gibt's heit noch Dossemer, die wu so schwätze."
Isch kenn noch so'n Spruch: Wir liebten uns wie Briel'a, der Tod hat uns getrennt, misch riss die Kugel niel'a &endash; un meine Wunde brennt so oaiiisch!"
Reimt sisch gar net."
Soll sisch aa net reime. Es kummt uff des oaiiiisch ao, dass mer des ganz langgezoge sagt."
Ach ja, die Dossemer, friher ware mir mit dene im Krieg."
Ja, ja, der Krieg irgendwann war jeder mit jedem mol im Krieg."
Der Ottl, gespielt feierlich: Wer von oisch ohne Krieg war, der erschieße das erste Schwein. Zappeduschter 8, Vers 14. Un außerdem hot mer friher im Herbst gsagt, wann Newel war, der geht blouß bis zur Grenz nach Dossene. Wisst ihr warum? In Dossene war nämlich Nawel!"
Lautes Lachen über den eigenen Witz und dann:
Mir hawe dahoam än alte
Wetzstoo,
der Vatter sagt, mer solleten weg doo,
die Mutter sagt, mir sollten bhalte,
den Wetzstoo, den alte."
Und dazwischen der Helmut, leise:
Zwische Dossene un Schriese,
do derf mer net uff die Schiene niese,
s..ssunscht kimmt die Bembl,
nemmt des krumm, hepft un schme-ischst die Wä-ije um."
Darüber der Männe, die Stimme sich fast überschlagend:
än alte Wetz wetzstoooo",
Dann leiser:
der Vatter der Vatter sagt ja, was sagt denn der Vatter?"
Alle: ..mer sollte ihn weg doooo,
die Mutter awer sagt, mir sollten bhalte,
den Wetzstoo, den alte."
Und gleich noch mal, und noch mal, schon sind einige Stimmen heiser, doch die Weinflasche findet nun doch ihren Weg und gleich geht es wieder besser, wenngleich nicht mehr ganz synchron:
Mir hawe dahoam &endash; ja dahoam -
än alte Wetzstoo,
der Vatter, der Vatter sagt, mer solleten weg doo, weheheg dooo,
die Mutter sagt, mir sollten bhalte,
den Wetzstoo, den, ja, den alte."
Unten, vor dem Schuppen bewegt sich etwas. Irgendjemand steht da.
Sagt ämol, misst ihr so schreie? Des hört mer jo weeß Gott wie weit! Wisst ihr wie spät das es is?"
Der Gesang verstummt.
Mir mache Singübunge", erklärt der Ottl. Des is erlaubt. Außer außerdem gg..gibt kä Sperrstund mehr!"
Aber so rumzuplärre is Ruhestörung!", donnert es von unten. Des kummt zur Aozeig!"
Mach dass du fort kummsch!", zischt der Ottl. Du du hosch uns gar nix mehr zu sage! Sei froh, dass mir dir net de Frack verschlage!"
Der Bedrohte trollt sich. Eine Weile hört man ihn noch fluchen, dann verliert sich sein Schatten zwischen den Stauden und Bäumen.
Wer war'n des?"
Der alte Grubers Frieder. Der friehere Feldschütz", weiß der Ottl. Entnazifi fizifiert awer immer noch än Nazi."
Du erinnerst dich dunkel: War der net domols dabei, als sie in Neine uff der Neckarwies den junge Soldat uffghängt hawe, der sei Einheit nimmer gfunde hot? Der hot kään Passierschei ghabt un do hawe sie gsagt, der sei dessertiert. Den hawe die dann an ner Latern uffghängt, zur Abschreckung. Grad so. In de letschte Kriegstage."
Du hattest auch einmal keinen Passierschein dabei; du hattest ihn zu Hause vergessen. Offiziell warst du noch im Lazarett, draußen in Wiesloch, aber am Sonntag durftest du nach Hause, zu den Eltern. Auf dem Rückweg, bei der Kontrolle, konntest du keinen Passierschein vorweisen. Zum Glück hat einer der Streifen dich erkannt: Awer des is doch der Bu vum Hannes aus der Vitusgass "
Der Frieder än Nazi? Na, isch weeß net. In Hendesse war doch nur der Pfeiffers Schorsch än eschter Nazi; der war bei der SS."
Den hawe sie awer aa laafe losse. Sogar den! Der hot scheinbar nix gemacht, außer ä bissl stramm stehe."
Am End hot's gheeße, dass sie alle nix gemacht hawe. Ware alles nur Mitläufer."
Ein kurzer Augenblick Schweigen. Dann jemand:
Habt ihr des gewisst mit dene Judde?"
Ach was, käner hot des bei uns gewisst. Dass die fortkumme sin, ja, awer doch net, dass mer die vergast hot. Woher hätte mir des wissen solle."
Es war halt Krieg."
Heart mer uff mit den Judde! Heart mer uff mit dem Krieg", brummt da einer hinter dir.
Ja, heare mer uff damit; des is vorbei."
Die Stimmung ist dahin, doch im Hintergrund hörst du ganz leise den Jakob singen:
Mir hawe dahoam än alte Wetzstoo",
Jetzt klingt es melancholisch, fast deppresiv.
der Vatter sagt, mer solleten weg doo,"
Er legt allen Weltschmerz in das Lied; als sei der Wetzstein das einzige Relikt aus jener Zeit, bevor das mit de Judde" geschehen ist, bevor sie euch zu HJ, zum Arbeistdienst und zum Barras geholt haben. Bevor das mit dem jungen Soldaten in Neuenheim passierte
die Mutter, oh ja, die Mutter awer sagt, mir sollten bhalte",
Auf einmal ist das Lied ein Blues. Wusstet ihr damals, was ein Blues war? Egal - euer Lied wurde zum Blues.
unsern Wetzstoo, den alte."
Ja, ihr hattet den Blues.
Und wieder und wieder, eins ums andere Mal, der Blues vom Wetzstein. Ihr hattet diesen einen, großen Blues.
Dann, irgendwann doch der Heimweg.
Unten, vor dem Schuppen, gleich neben den Gleisen der Güterbahn, habt ihr euch von Wein und dem bisschen Wasser, das dem Schnaps beigemengt war, erleichtert; jeder suchte sich einen Baum oder eine Hecke. Euer Blick verlor sich dabei in der Dunkelheit der Felder &endash; Felder, die Jahre und Jahrzehnte später verschwunden sein sollten, begraben unter Wohnblocks, Supermärkten und Straßen.
Schweigen auf dem Rückweg; der Wetzstein war abgewetzt, war zerbröselt vom vielen Refrain. Der Blues war vorbei. Für alle Zeiten vorbei ...
Die Nacht aber war immer noch mild; vielleicht sogar mondhell.
Anmerkungen:
Hendesse = Handschuhsheim, uraltes Dorf an der Bergstraße, bis 1903 eigene Gemeinde, seitdem nördlichster Stadtteil von Heidelberg. Bewohner: Hendsemer
Pfädelsäcker: eine genossenschaftliche Siedlung in Handschuhsheim; erbaut nach dem 1. Weltkrieg; lag damals Mitten im Feld, wurde erst in den 60er Jahren von der Stadt eingeholt".
Wescher: unübersetzbar; etwa ein grober Kerl, einer, der hinpacken oder hinschlagen kann (weschen = schlagen)
Maad: Magd
sescht - sagt: Im Kurpfälzischen gibt es die beiden Formen von er sagt"; er sescht" ist urtümlicher und wird nur noch selten gebraucht
Dossene: Dossenheim; Gemeinde an der Bergstraße nördlich von Heidelberg/ Handschuhsheim; Eingemeindungsversuche Heidelbergs in den 60er Jahren scheiterten; von Alters her gab es eine Rivalität zwischen den Hendsemern und den Dossemern
Voaleila: Vorreiter
Schriese: Schriesheim, Gemeinde nördlich von Dossenheim
Neine: Neuenheim; Heidelberger Stadtteil südlich von Handschuhsheim, liegt am Neckar
Barras: gebräuchlicher Ausdruck in der damaligen Zeit für das Militär (Herkunft des Wortes ungewiss; vielleicht vom franz. General Barras, dem Führer des Direktoriums nach der franz. Revolution, der die Heeresreform mitorganisierte oder nach dem jiddischen Ausdruck "baras" für "Brot, Lebensmittel")
Die Erzählung ist Fiktion, beruht aber auf einer wahren Begebenheit. Alle die in ihr vorkommenden Sprüche sind authentisch, einschließlich des Liedes vom Wetzstein.
Die Geschichte wurde veröffentlicht in M. Santak (Hrsg.): Mythos Heidelberg 2007, ISBN 3-9810515-1-3.