Die Pharmaindustrie würde es uns danken!

 

Sagen Sie, nervt Sie das auch? Sie sehen im Fernsehen einen wunderhübsch gemachten Werbespot für ein Kopfschmerz-, Schnupfen- oder Fußpilzmittel - und dann erscheint eine graue Tafel mit diesem Spruch und eine seelenlose Stimme leiert ihn auch noch herunter: "Für Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker." Peng! Die Wirkung des Werbespots ist dahin. Waren Sie gerade noch überzeugt, dass das hochgelobte Wundermittel mit all Ihren Wehwehchen aufräumt - dieser holprige Spruch bringt Sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. "Risiken und Nebenwirkungen..." oder gar "Arzt". Sie wollen eben nicht an den Arzt erinnert werden, wenn Sie jenes Allheilmittel gegen Warzen, Schuppen oder Gliederreißen kaufen, das in der bunten Welt der Werbung angepriesen wurde.

Warum also nicht diesen grauenvollen Spruch verkürzen, damit er schneller über die Bühne rollt und somit erträglicher wird. Vielleicht sollte man alle unwesentlichen Wörter herausnehmen. Etwa so: "Risiken, Nebenwirkungen, lesen Packungsbeilage, fragen Arzt, Apotheker!" Während der vollentfaltete Spruch unsere Aufmerksamkeit ungefähr 4 bis 5 Sekunden in Anspruch nimmt, kommt der verkürzte mit 2 bis 3 Sekunden aus - je nachdem, wie schnell der oder die Herunterbeter/in ihn ins Mikrofon quasselt.

Aber halt, werden Sie sagen, die bösartigen Wörter " Risiken, Nebenwirkungen" und "Arzt" sind da immer noch deutlich zu hören. Der Spruch muss also weiter vereinfacht werden. Vorschlag: Wir lassen in jedem Wort jede zweite Silbe weg: "Riken, Newirgen, les Packbeige frag Arzt, Aphek!" Damit sind immerhin die Risiken minimiert und die Nebenwirkungen in ihre Schranken gewiesen. Bleibt der Arzt. Dem nehmen wir jetzt den Vokal, wie wir überhaupt alle A aus dem Text herausstreichen: ""Riken, Newirgen, les Pckbeige frg rzt, phek!" Daraus machen wir, die Laute verschmelzend: "Riken, Newirgen, les Peigefrzthek!"

Damit der erste Teil des Satzes, was die Kürzungen angeht, nicht zu stiefmütterlich behandelt wird, machen wir schließlich daraus: "Rikenwirgen les Peigefrzthek!"

Das "les" können wir uns auch noch sparen, denn jeder weiß ja, dass die Packungsbeilage, Pardon, die Peige, gelesen werden soll (und nicht etwa gesungen oder gejodelt). Also heißt es jetzt, wieder die Laute verbindend: "Rikenwirgenpeigefrzthek!"

Ein geschulter Sprecher kann das noch verfeinern: "Rikewirgepeigefrz!" oder "Rikwirgpeigfrz!" bis hin zu "Riwifrz!" oder schließlich nur noch "Frz!" Damit haben wir den ellenlangen Spruch auf sein Wesentliches beschränkt: Auf ein "Frz!" Und nun stellen Sie sich vor: Ob Hühneraugenmittel, Hustensaft oder Potenzpillen, ob Tinktur gegen Haarausfall, Hautfältchen oder Vergesslichkeit - am Ende eines jeden Werbespots wird eine graue Tafel eingeblendet auf der diese drei Buchstaben stehen und eine Stimme sagt klar und deutlich: "Frz!" Wir könnten die Tafel - je nach Produkt - rosa, himmelblau oder ökogrün einfärben und für die Stimme Stefan Raab oder Veronika Feldbusch engagieren, die dann mal krähen - "Frrrz!" - mal verführerisch flüstern: "F-r-z!"

Die Pharmaindustrie würde es uns danken!

 


© R. Thum, Jan. 2003; veröffentlicht in "Maskenball - Zeitschrift für Kunst und Literatur" (Januar-Ausgabe 2003)

(Hinweis: Auch wenn der Autor in dieser Zeitschrift einen Beitrag veröffentlicht hat, bedeutet dies nicht, dass er mit der inhaltlichen Ausrichtung dieser uneingeschränkt konform geht).