Chaos ist ein griechisches Wort

Auszug aus dem Kapitel "Odyssee 2000"

Die Autorin schildert ihre Behördengänge, die notwendig geworden waren, um für ihre Hausangestellte, die aus den Philippinen stammt, eine unbeschränkte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis - so etwas wie eine "Green Card" - zu erhalten.

...

Der darauffolgende Tag fand mich wieder in der vertrauten Warteschlange in den Höhlen der Sozialversicherung. Aber - diesmal tat sich etwas. Die eidesstattliche Erklärung wurde mit dem weißen Formular zusammengeheftet und fand ihren endgültigen Eingang in das Archiv der Sozialversicherung. Nun dachte ich, - wo nahm ich nur diesen Optimismus her? - dass dem Ankauf der notwendigen monatlichen Versicherungsstempel nichts mehr im Wege stünde. Weit gefehlt!

"Wo ist das Arbeitgeberbuch?", fragte der Zuständige mitten hinein in mein verdutztes Gesicht. "Das waaas?" Ich war doch schon versichert!

"Wenn Sie Angestellte haben, müssen Sie die Arbeitsstunden der Angestellten in einem Arbeitgeberbuch dokumentieren", informierte mich der Beamte.

"Und wo bekomme ich das?"

"Dort drüben, beim Protokoll."

Drüben beim Protokoll standen schon fünfzig andere Leute an. Als ich an die Reihe kam, erhielt ich natürlich kein Arbeitgeberbuch, sondern - was sonst? Ein winziges Zettelchen mit einer Nummer und einem Datum in drei Wochen.

Also wieder unverrichteter Dinge nach Hause. Mittlerweile erfasste uns aber schon Panik. Denn plötzlich sprach es sich herum, dass demnächst die Ausgabefrist der grünen Karte verfalle und dann alle Bewerber ausgewiesen werden sollten.

Pünktlich nach drei Wochen pflanzte ich mich wieder vor dem Protokollbeamten auf. Da die Ausstellung der Arbeitgeberbücher und die Verteilung von Protokollnummern seine einzigen Aufgaben waren, war ich sicher, auf keinerlei weitere Schwierigkeiten zu stoßen. Doch dieser beäugte lange und mit strengem Blick mein schäbiges Zettelchen. Dann begann er zu suchen. Auf seinem Schreibtisch, in seinem Schreibtisch, in den Aktenstößen auf dem Fußboden hinter seinem Schreibtisch und auf dem Schreibtisch seines Kollegen. Und mit einem "Ist noch nicht ausgestellt!" gab er mir das Papierchen zurück.

"Aber schauen Sie doch aufs Datum! Das ist heute! Wenn ich es nicht bekomme, gehe ich hier nicht weg!"

Diese Drohung saß. "O.k., wir werden es gleich ausstellen." Ich erwartete, dass nun eine zeitraubende, unendlich schwierige Prozedur beginnen würde. Großer Irrtum. Der Beamte ließ mich auf ein riesengroßes Heft meinen Namen und Adresse schreiben, verzierte das Werk mit einem Stempel - fertig! Und darauf hatte ich drei Wochen lang gewartet?

Doch ich zog es vor zu schweigen, denn ich war froh, dem Amtsschimmel wieder etwas Schriftliches - noch dazu in Groß-format - entrissen zu haben. Stattdessen eilte ich zu dem Beamten, der mir - wegen des größten Andrangs - am zuständigsten erschien. Zu ihm vorgerückt, präsentierte ich ihm stolz mein Arbeitgeberbuch und verlangte, die Versicherungsstempel zu erstehen.

"Haben Sie ein Versicherungsstempelmarkeneinkaufsbuch?"

"Ein waaas?"

Der gute Mann erkannte, dass er es hier mit einem Trottel zu tun hatte, und erbarmte sich. Er stellte mir das erforderliche Einkaufsbuch aus, wir setzten die Arbeitsstunden und den Lohn für meine Perle fest und der Beamte füllte gleich ein paar Seiten für mich aus. "So, jetzt können Sie Ihre Stempel kaufen gehen!" Er war froh mich loszuwerden.

Alles umsonst. Der Kassier untersuchte mit strengem Blick meine zwei schönen Bücher, las sogar die Seiten, auf denen gar nichts stand und erklärte mir, dass ich ohne eine Versicherungsstempelmarkenkarte überhaupt nichts kaufen dürfe. Mich wunderte nichts mehr.

"Wo kann ich die erwerben?"

"Da gehen Sie zuerst in den vierten Stock, holen sich eine laufende Nummer und warten!"

"Aber von dort komme ich ja gerade, dort hat man mir nichts von einer Versicherungsstempelmarkenkarte gesagt!"

"Da kann ich Ihnen nicht helfen; wenn ich Ihnen jetzt etwas verkaufe, werde ich bestraft."

"Geben Sie mir wenigstens Stempel für zwei Monate, damit die Sache mit der grünen Karte weitergehen kann! Ich werde es bestimmt nicht weitererzählen. Will die Sozialversicherung denn kein Geld?"

So gelang es mir, ihm wenigstens Stempelmarken für einen Monat abzujagen. Nächste Woche komme ich wieder vorbei, dachte ich im Stillen, da hat er mich schon vergessen und dann entreiße ich ihm noch eine Stempelmarke.

Also wieder hinauf in den vierten Stock. Langes Warten, um zu erfahren, dass man hier andere Nummern austeile. Die Nummern für die Versicherungsstempelmarkenkarte gäbe es vermutlich im dritten Stock beim Register. Das war insofern interessant, als ich den dritten Stock noch nicht kannte. Und außerdem ist das häufige Stiegenauf- Stiegenab gut für die Beine, die durch das stundenlange Schlangestehen geschwollen waren.

Der dritte Stock war nicht besser als die anderen zwei, die ich schon kannte. Auch hier eine meterlange Warteschlange. Bei der Beamtin angekommen, legte ich ihr alle mittlerweile gesammelten Papiere und die Dokumente vor. Nach eingehendem Studium und Rückfragen ihrerseits erhielt ich ein Ausländerregistrationsformular, das ich auch gleich ausfüllte. Zur Belohnung bekam ich die ersehnte Nummer - mit einem Termin in zwei Monaten!

"Warum in aller Welt in zwei Monaten?"

"Weil jetzt alles auf Datenverarbeitung umgestellt wird!"

Das war eine Katastrophe. Mir war das Chaos, das die Umstellung bei anderen öffentlichen Diensten bewirkt hatte, nur allzu gut bekannt. Darauf, dass die Karte in zwei Monaten nicht fertig sein würde, hätte ich auch mein letztes Hemd verwettet!

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