"Der Mirz, der schtirzt..."

Donauschwäbische Sprüche

Geht es Ihnen auch immer wieder so, daß Sie in der Küche stehen und nicht wissen, was Sie kochen sollen? Meine leider viel zu früh verstorbene Tante Anna, die früher unseren Haushalt führte, wußte sich da sehr einfach zu helfen. Sie betete ihren Küchenzettel herunter und wußte sogleich, welche Spese "dran" war:

Mautog - Nuultog (Nudeltag)
Dienstog - Fläschtog
Mittwoch - Nuultog
Dunnerstog - Fläschtog
Frätog - Fischtog
Saumstog - Nuultog
Sunntog - Fläschtog

Tante Anne wußte überhaupt noch viele alte Sprüche aus dem Donausschwäbischen, genauer gesagt aus dem niederösterreichischen Dialekt in und um Budapest. Ihre - und damit auch meine - Vorfahren kamen z.T. aus dem Sterntal, Budapest, zum Teil aus Budacesi (Wuddigeß). Hier noch ein paar Sprüche von meiner Tante.

Wer erinnert sich z.B. noch an diesen Kinderreim:

Aans, zwaa, drä,
Bickerbockerä,
Bickerbocker Hoberstrauh
hängt a Sock vui Kinder drau
aans liagt am Tisch,
kummt die Kotz un frißt's,
kummt der Schuasta mit'm Last,
loßt an dicken Bumbaschaaß!

Oder an diesen:

Ringel, ringel, Räh,
heit sammer zwaa, morgn sammer drä,
kummt der Gigosch-Gogosch-Hauh,
hot a verschissans Hemat au,
geht zam Brunna, woscht as aos,
mocht a sauri Suppn draoß!

 

Sehr spannend finde ich auch die alten "Lebensregeln", mit denen sich frühere Generationen das Leben leicht oder schwer gemacht haben. Wichtig in meiner Familie waren z.B.:

Zwischen Wähnochten un Näjohr derf mer net woschen, sunst werd ma kraunk.

Zwischen Wähnochten un Heiligdräkinig derf mer kaa Visuin (Bohnen) ejßn, sunst kriagt mer Assn (Warzen).

Am Uschuidigenkinderstog (28. Dez.) derf mer net nahn (nähen), sunst schtupft mer die uschuidigen Kinder.

Am Korfrätog derfst net nogln, sunst noglst unser Hälaund ans Krääz.

 

Über das Frühjahr wußte meine Großmutter, also meine Ahl, zu sagen:

Der Mirz, der schtirzt, der Oprü, der mocht wos er wü, der Mää nimmt's noch der Räh.

Die Erklärung des Spruches ist folgende: Der März stürzt, nämlich die Leute um, d.h. er macht sie krank; der April macht was er will, nicht nur was das Wetter angeht, sondern auch mit den Leuten, und der Mai, der nimmt sie nach der Reih' - und zwar ins Grab. Mag sein, daß in früheren Zeiten, als unsere Medizin noch nicht soweit fortgeschritten war und vor allem die armen Leute nach dem Winter geschwächt und ausgezehrt waren, die Monaten März bis Mai, was die Gesundheit anging, die schlimmsten waren.

 

Überhaupt waren es früher schlimme Zeiten, doch - so die Lebensweisheit meiner Leute:

Besser werd's nimmer, schlimmer werd's immer.

 

Und man war stets auf der Hut, beobachtete sich, die Mitmenschen und die Natur, z.B.

Waunn aam 's Gfrieß feiert, schimpft aam wer.

Waunn mer si an Öllaboung auniwuscht (anschlägt), kummt wer zu Bsuach.

Waunn a Schaar (Schere) owifoit un mit der Schpitzn im Drerd (in der Erde) schtecka bläbt, kummt aa wer zu Bsuach.

Waunn s rechti Aung bääßt, werst zauna (weinen), waunn ower s linki bääß, werst locha oder wos liabs sehng.

 


Sprüche, Reime, Wiegenlieder von Frau Hermine Hauptmann, Erbach

Will mol was verzähle
von der lange Eele
von der korze Woche
hot mer nix zu koche
lauter Stana un Knoche
Knoche kann mer net beiße
Stana kann mer net sch...

Wer sich auskennt, wird feststellen, dass der Dialekt von Frau Hauptmann von dem unsrigen abweicht. Sie spricht ein Donauschwäbisch, dass eher am echten Schwäbisch dran ist als unseres, das ja eher ein Niederösterreichisch ist.

Ringl, Ringl Raiha
dr Papa is in Bájá
die Mama is in Wien
die ganze Welt is hin
Hockt a Vogerl aufm Dach
hot sich bal zu schepp gelacht
kummt die Mutta mit dr Stanga
schlagt uns all mit zamma.

Unschwer auch auszumachen, wann diese Reime entstanden sind: Zu einer Zeit, als es den Leuten nicht sonderlich gut ging und sich niemand etwas Böses dabei dachte, wenn fleißig hingeschlagen wurde. Und auch die Wiegenlieder waren recht derb:

Hajolipoli
bis summer kummt die Moli.
Alle Mädcher spiele gehn
ich muss allaa bei der Wieche stehn,
die Wieche geht jo knipp und kanpp
schlof mei liewer Dicksack*
Dicksack, Dicksack, schlof
im Garte gehn zwa Schof
a Schwarzes un a Weißes
wann des Kind net schlofe will
muss das Schwarze des Kindche beiße.

*Dicksack: Die Babies waren früher in Leinen eingewickelt und sahen dann eben wie ein "dicker Sack" aus.

Aber es gab auch andere Wiegenlieder:

Sunne, Sunne scheine
fahrn mer übern Rheine
fahrn mer übers Gockelhaus
da gucke drei schöne Poppe (Puppen) raus.
Die ane spinnt Seide
die andere dreht Weide
die dritte spinnt an rote Rock
fir unsern liewe Herregott.

Das war vermutlich ein Auszählvers (oder auch Wiegenlied?):

Aans, zwaa, drei
hicke, hacke, hei
hicke, hacke Pfeferstil
alte Weiwer esse viel
Junge misse faste
Brot leit im Kaste
Messer leit danewe
Vatter is a Wewer
Motter is a Kuchlfraa,
was sie kocht, des isst sie aa
guckt sie ins Häfele
schlägt sich eins ans Näsele

Und zu guter Letzt noch dieser Abzählreim

Ane, trane, Bohneblatt
unser Küh sin satt,
unser Mädche hat gemolke
siewe Gaase (Geißen) un a Kuh
Peter schließ die Tir zu
werf de Schlissel hinnenei
morge soll schee Wetter sei.

Weitere Sprüche von anderen Sammlern folgen.


Kennen Sie noch weitere Sprüche, Kinderreime, Lebens- oder Wetterregeln in einem der donauschwäbischen Dialekte? Dann schicken Sie mir ein e-mail, damit ich meine Sammlung vervollständigen kann. Vielleicht kommt sogar genug für eine Broschüre oder kleines Buch zusammen? Soweit ich weiß, gibt es eine solche Sammlung in Buchform bislang noch nicht. Falls doch, wäre ich um Hinweise dankbar.

Falls Sie mir etwas schicken, geben Sie bitte unbedingt an, aus welcher Stadt oder Region Ihre Sprüche stammen. Die Schreib-weise ist übrigens beliebig. In jeder Gemeinde gibt bzw. gab es ja Unterschiede in der Aussprache und Betonung, das darf sich auch in der Schreibweise widerspiegeln.

 

Hier geht es zu meiner homepage