Die Lenkö

Die Kartenspieler

Eine Geschichte mit Wudigeßer Dialekt


Der Ail

Herbstsonntag. Naßkaltes Wetter weicht die Straßen auf; im Wald sprießen die Pilze, und in den Hälsen und Nasen gedeihen Schtraoger und Husten.

In der Schtubn der Großeltern ist es warm. Eine sonntägliche Urgemütlichkeit hat sich breit gemacht. Vor allem, da die Großtante Magdalena, genannt die Lenkö, wieder einmal zu Besuch ist. Seit sie verwittwet ist, kommt sie fast täglich - unangekündigt versteht sich. Oft bringt sie etwas vom Einkaufen mit; verschenkt Kaffee, Fleisch, Salat oder Visuin, was ihre Besuche etwas erträglicher macht.

Auch Nanni, von mir bösartigerweise immer "Tante Anna" gerufen, ist zu Hause. Sie hatte es nie geschafft, aus dem Elternhaus wegzuziehen. Sie war das Wuzzerl, das Kinderl, irgendwie z'ruckbliebn, deshalb aber nicht dumm; sie war eben anders als die anderen.

Die Ahl näht. Der Ail studiert die Zeitung. Die Lenkö kaut auf ihrer Unterlippe, überlegt, mit welchen Geschichtchen sie heute die anderen beglücken könnte. Die Nanni singt einen Kinderreim:

Aans, zwaa, drä,
Bickerbocker Hää
Bickerbocker Hoberstrauh
hängt a Sock vui Kinder drau
aans liagt am Tisch,
kummt die Kotz un frißt's,
kummt der Schuasta mit'm Last,
loßt an dicken Bumbaschaaß!

Die Lenkö lacht und reimt weiter:

Ringel, Ringel, Räh,
heit sammer zwaa, morgn sammer drä,
kummt der Gigosch-Gogosch-Hauh',
hot a verschissans Hemat au,
geht zam Brunna, woscht as aos,
mocht a sauri Suppn draoß.

Der Ail schielt hinter seiner Zeitung hervor, späht zum Fenster und brummt: "Waunn des mit dejm Wejtter so wäter geht, wer' i nau verruckt. Rejng, Rejng, nix ois Rejng."

"Des is der Hirbst", kommentiert die Lenkö, "wos wüst do mocha?"

Der Ail zuckt mit den Schultern und sagt dann vorsichtig: "Mir kenntat'n Kortn schpüün."

Die Nanni zuckt zusammen. Auch die Ahl blickt von ihrem Nähzeug kurz auf und meint nur: "Muaß des sei?"

Lenkö und Ail schauen sich verdutzt an.

"Net, daß ejs wieder so a Jocht mochts wia 's letzti Moi!" ermahnt die Nanni.

"Wos fir a Jocht?" fragt der Ail und setzt seine Unschuldslamm-Miene auf.

"Gib scha dej Kortn her!" fordert die Lenkö.

"Jessas, irzt faunga dej wirklich wieder au mit der Kortnschpülerä!" knurrt die Nanni.

"Kumm, Schwogerin", bittet der Ail und grinst, "geh'mer in die Kuchl. Daß dej zwaa ihr Ruah ham!"

Und dann beginnt's. Die Spielkarten sind abgegriffen und speckig. Der Ail mischt und teilt aus. Die Lenkö klaubt auf, und eh der Ail alle Karten ausgegeben hat, wirft sie auch schon die erste auf den Tisch.

"Dejs faungt ower guat au!" lacht der Ail und wirft seine Karte dazu. Der Stich geht an ihn, der nächste an die Schwägerin, und so fliegt das Glück zwischen den beiden hin und her wie das Pendel einer Standuhr.

Die Lenkö mischt, und schon geht's weiter.

"Ha, dejs is recht!"

"Do nimm, friß di' au damit!"

"Dejs wer'n mer glei sehng. Do host!"

"Dejn wü i net! Der gfoit mir besser!"

"Schöjn schticht!"

"Ouwer geht iwern Unter!"

"Aachl-Sao schticht olli o!"

"Jessas, dej hot nau a Sao!"

"Zwaunzig Raudi!"

"Un nau dejs!"

"Un dejs!"

"Un nochat dejs!"

"Firtig!"

"Un i hob gwunna!"

Selbstsicher blättert der Ail seine Karten auf den Tisch. Die Lenkö stutzt.

"Wieso host du gwunna?" will sie wissen. "I hob doch a Poor ghobt un augsogt. I hob zwaunzig Raudi augsogt."

"Wos host du? Zwaunzig augsogt? Des isas erschti, wos i hehr."

"Jessas, zwaunzig Roudi hob i doch augsogt, glää wiari dejn Schtich mit der Aachl-Sao gmocht hob."

"Nix host du!" Der Ail will es nicht wahrhaben. Er fuchtelt mit seinen Karten herum, greift nach den Stichen seiner Schwägerin und zerwirbelt die Blätter über den Tisch.

"Do is doch gor nix drin. Kaan Ouwer un kaan Unter. Nix!"

Die Lenkö wühlt in den Karten, bringt seine und ihre Stiche durcheinander.

"Du bist mir an rechter Lippü! I hob zwaunzig augsogt! Zwaunzig Raudi! Do is der Ouwer."

"Un wo is nochat der Unter?"

"An Unter muaßt mir ogschtocha ham."

"Noch sans aa ka zwaunzig Raudi! Irzt herst ower aof!"

"Herrschaftszeiten, i wer' doch wissn, wos i dua!" Ihre Stimme verwandelt sich in ein fürchterliches Krächzen: "Zwaunzig Raudi hob i augsogt!"

Nun kennt auch der Ail kein Pardon mehr. Die Tischplatte ächzt unter seinen Pratzenhieben wie ein Asthmatiker. Er brüllt:

"Himmüherrgottsakrament, du host nix augsogt. Draamt hot's dir's. Her mir bloß aof mit deim Folischschpüün!"

Der Lenkö bleibt schier die Luft weg: "Woooos! I un folisch!? Waunn do aner folisch schpüüt, noch du! I hob zwaunzig Raudi..."

"Irzt los mir mei Ruah mit deine Raudi! Her scha 'moi aof zam Liang!"

"Himmümariantjousef! I liag net, waunn do aner liagt, bist du's!"

"Kruzidirkn! Muaßt du ollerwöa ollas aof'n Kopf schtöhn!"

"Mir laungt's! I schpüü nimmer wäter! Du kaust mi moi!"

"Himmükruzidirksakranaumoinei! Muaß i mir souwos gfoin loßn in meim ägan Haos! Do hert si doch ollas aof! So a Frechhäät!" Und wieder donnern seine Fäuste auf die Tischplatte.

"Wihniger Ejsl", setzt die Lenkö nach. Und während im Wohnzimmer Ahl und Nanni nur den Kopf schütteln, greift der Ail nach den Karten, bündelt sie und kreischt:

"Dir geb i an Ejsl, oidi, daamischi Ritschka! Do host deine verbitschkerti Kortn! Do host sie, deini zwaunzig Raudi!"

Und mit einem Wisch läßt er die Karten durch die Küche schneien.

"Oider, narrischer Bock!" krächzt die Lenkö. Ihre Stimme klingt wie durch eine Gießkanne mit abgesägtem Schnauf: "Wirf's nur ummadum, deine dreckerti Kortn!" Auch sie packt einzelne Karten und wirft sie dem Ail ins Gesicht: "Do nimm's! Dej kaust dir hint'einischtecka!"

"Gnua irzt!" kreischt er, daß auf der Straße schon einige Leute stehen bleiben, "Naos! Naos, aos meim Haos! Un loß di nimmer sehng doherin!" Er springt hoch, reißt die Küchentür auf.

Die Lenkö scheint erstaunt: "Jo, wos sui'n irzt dejs? Muaß i mir va dejm Dappscheel scha 's Haos verbittn loßn?"

"Wos?! An Dappscheel aa nau! I muaß mi an Dappscheel nenna loßn, va dera Raatschn! Do gherat draneigschlogn! Mit der Korwatschn gherat do draneigschlogn!"

Doch mangels Korwatschn beginnt er mit den Händen zu hauen: in sein eigenes Gesicht! Als könne er sich damit seinen Ärger aus dem Hirn klopfen.

Die Ahl stößt unterdessen einen Seufzer aus, blickt aber nicht mehr von ihrem Nähzeug auf. Die Nanni jedoch wälzt ihre zwei Zentner Lebendgewicht in Richtung Küche und faucht:

"Herrschaft! Hob i's net glei gsogt, daß ejs wieder a Jocht mochts! Ejs narrischi Hundn! I wer' ejng eiri Kortn nau verbrenna!"

"Misch du di do net ei!" fährt sie der Ail an. Er hechtet an ihr vorbei, stürzt zur Garderobe und zieht seinen Mantel herunter.

"Bin i so bleed, daß i nau mit dera verbitschkerten, ölejndigen, daamischn, dappertn Schochtl Kortn schpüü", brockelt er vor sich hin, während er in den Mantel schlüpft und sich den Hut überstülpt.

"Wo gehst'n hi", will die Nanni wissen, "bei dejm Rejng?"

Er antwortet nicht, sondern nimmt seinen Spazierstock und fuchtelt mit diesem herum, als sei er das Schwert eines japanischen Samurai.

"Un dejs sog i dir", fährt er seine Schwägerin an, "waunn i haam kumm, un du ollerwöa nau do bist, hau i dir dejn Schtecka iwerzwerch, daß nur!" Sagt's, dreht sich um und eilt hinaus - eilt durch den Schnürlregen in Richtung Wirtshaus, um seinen Ärger hinunterzuspülen.

Das Schicksal der schmutzstarrenden Karten war aber damit noch nicht besiegelt. Sie dienten noch zu manch herrlichem Spiel und gemütlichem Streit. Es heißt, irgendwann seien sie auch einmal zum Fenster hinaus, auf die Straße, geflogen, was aber der Spielwut keinen Abbruch tat, da sie der Ail schon bald wieder reumütig eingesammelt haben soll. Ob es stimmt, daß Tante Anna - wie angedroht - die Karten schließlich in den Kohleofen in der Küche geworfen hat, kann ich nicht bestätigen. Sicher ist, daß die moderne Technik dazu beigetragen hat, das Gezänk zu mildern, denn meine Drohung, eines Tages mit einem Casettenrecorder aufzutauchen, um das Getobe aufzunehmen, wirkte Wunder. Die Angst vor einem versteckten Mikrophon verwandelte die beiden wilden Kartenspieler in zahme Lämmer.


Erklärung einiger Dialektwörter

Wudigeß: Budakeszi, Ort bei Budapest; bis 1944 vorwiegend von Deutschen bewohnt
Schtraoger: Schnupfen
Visuin: Bohnen
Ahl, Ail, von Ahnderl, Ahne; Großmutter und Großvater
Wuzzerl: Kleines Kind, Baby
Bickerbocker: Das Wort hat keine Bedeutung, einfach nur ein Füllwort
Hää: Heu
Hoberstrauh: Haferstroh
Schuasta mit'm Last: Schuster mit der Leiste
Bumbaschaaß: Knallender Furz (Schaaß ist nicht etwa Scheiße, sondern Furz; Scheiße dagegen hieß "der Schääß"; es gab auch "die Schääßn", das Scheißen bzw. der Durchfall)
Jocht: Krach, Lärm
Schöjn: Schelle (Farbe im altdeutschen Kartenspiel)
Unter, Ouwer, Sao: Unter, Ober, Sau entsprechen Bube, Dame, König
Aachl: Eichel (weitere Farbe im dt. Kartenspiel)
Raudi: Rote (noch eine Farbe im Kartenspiel)
ollwerwöa: "alleweil", immer noch
Lippü: Kerl, Bursche
wihnig: wahnsinnig
Korwatschn: Reiterpeitsche
iwerzwerch: kreuz und quer

 

© Rolf Thum, 1996; veröffentlicht im gleichen Jahr in der Zeitschrift der Ungarndeutschen "Unsere Post"